Warum ich Beratungsrisiko nicht Beraterschelte nenne
Ein Leser wünscht sich härtere Worte über die Coaching-Branche. Der Antwortbrief erklärt, warum ein prüfbarer Begriff mehr verändert als Empörung.
Ob Kritik etwas verändert, entscheidet sich an der Wahl ihrer Begriffe. Dieser Essay antwortet auf die Zuschrift eines Lesers, dem der zentrale Begriff dieser Reihe zu höflich ist. Die Antwort führt in die Medizingeschichte und zu der Frage, was ein Begriff leisten muss, damit aus Ärger eine Prüfung wird.
Sehr geehrter Herr M.,
Sie haben mir nach dem Essay über die Methodenleere geschrieben. Neun Monate Begleitprogramm liegen hinter Ihnen, dazu eine Rechnung über 9.400 Euro, geblieben sind ein Ordner mit Arbeitsblättern und ein Betrieb, der dasteht wie vorher. Ihr Brief ist höflicher als das, was Sie erlebt haben. Nur an einer Stelle werden Sie deutlich. Warum ich das Kind nicht beim Namen nenne, fragen Sie. Abzocke wäre das ehrliche Wort, Beraterschelte sei überfällig, und ein Begriff wie der meine klinge nach Rücksicht auf Leute, die keine verdient haben.
Ich verstehe die Frage. Bezahlt haben Sie für Ihre Erfahrung, ich schreibe nur darüber. Trotzdem bleibe ich bei dem Wort. Den Grund will ich Ihnen nicht schuldig bleiben.
Schelte richtet sich an Personen. Sie sortiert eine Branche in Gute und Schlechte und verspricht, dass sich die einen von den anderen unterscheiden lassen, bevor man bezahlt hat. Genau das konnten Sie nicht, sonst hätten Sie Ihre 9.400 Euro behalten. Der Mann, der Ihnen das Programm verkauft hat, war vermutlich kein Betrüger. Er hat selbst geglaubt, was er Ihnen versprochen hat. Das ist der unbequeme Teil. Wäre er ein Betrüger, gehörte Ihr Fall vor ein Gericht. Weil er keiner ist, brauchen Sie ein Wort für das, was trotzdem schiefging. Dazu kommt etwas, das Sie aus dem eigenen Beruf kennen, denn als selbständiger Konstrukteur haften Sie für jede Zeichnung, die Ihr Büro verlässt, mit Namen und Versicherung. Ihr Berater hat dieses Gegenstück nie gekannt. Genau dieser Unterschied lässt sich benennen, ohne ihm den Charakter abzusprechen.
Zudem schließt Empörung nichts ab. Wer schimpft, hat danach dieselbe offene Frage wie vorher, nur lauter. In den Betrieben, über die diese Reihe schreibt, gibt es dafür ein Wort. Offene Schleifen sind Vorgänge ohne Abschluss, die Aufmerksamkeit binden, lange bevor sie Kosten verursachen. Ihre Wut auf das Programm ist eine davon. Sie arbeitet nun seit anderthalb Jahren in Ihnen und hat in dieser Zeit noch keine einzige künftige Fehlentscheidung verhindert.
Die Medizin hat dieses Problem einmal durchgespielt, am Aderlass. Jahrhundertelang war er Standardtherapie, verordnet von redlichen Ärzten nach bestem Wissen ihrer Zeit. Spott gab es früh. Molière hat die Aderlass-Ärzte schon 1673 auf die Bühne gestellt, gelacht hat halb Paris, zur Ader gelassen wurde weiter. Dann begann ein Arzt zu zählen. Pierre Louis erfasste in den Pariser Kliniken 77 Verläufe von Lungenentzündungen und verglich, wem früh und wem spät zur Ader gelassen worden war. Wer früh behandelt worden war, starb häufiger. Louis veröffentlichte seine Zählung 1835. Der Aderlass verschwand nicht über Nacht, es dauerte Jahrzehnte. Sein Ende aber begann mit diesen Zahlen, gegen die keine Berufsehre und keine Empörung mehr ankam. Kein einziger Arzt musste dafür ein schlechter Mensch gewesen sein. Falsch war die Behandlung unabhängig vom Charakter dessen, der sie verordnete. Die Zählung besaß eine Eigenschaft, die dem Spott zweihundert Jahre lang gefehlt hatte, denn jeder Arzt konnte sie an den eigenen Patienten wiederholen und kam am Ende bei denselben unbequemen Zahlen heraus.
Als ich den Begriff für das Unternehmer-Buch festlegte, lag die Schelte als Alternative auf dem Tisch. Beifall hätte sie schneller gebracht, von Ihnen vermutlich auch. Ich habe mich für Beratungsrisiko entschieden, weil das Wort eine Lage benennt und keinen Menschen trifft. Es beschreibt die Lage, dass der Ratgeber die Folgen seiner Empfehlung nicht selbst trägt, während Sie als Auftraggeber jede Konsequenz bis zur letzten Rechnung bezahlen. Diese Lage lässt sich prüfen, bei jedem Anbieter, vor jedem Vertrag und ohne dass Sie dafür wissen müssten, was im Kopf oder in der Buchhaltung des Anbieters vorgeht. Für die Prüfung müssen Sie niemandem Böswilligkeit nachweisen. Sie fragen nur, wer zahlt, wenn der Rat nichts taugt, und wer es zuerst bemerkt. Ein Begriff ist ein Werkzeug. Wörter, die Personen treffen sollen, altern schlecht, streuen auf die Redlichen und lassen sich vor allem nicht prüfen. Ein Wort, das eine Lage benennt, bleibt kalt genug, um damit zu arbeiten.
Eine Ehrlichkeit bin ich Ihnen noch schuldig. Vor dem nächsten schlechten Programm schützt der Begriff Sie nicht. Er verlangt Ihnen sogar mehr ab als die Empörung, weil seine Prüffrage vor der Unterschrift gestellt werden muss und in der Rückschau nichts mehr rettet. Das ist unbequemer als schimpfen. Es ist zugleich das Einzige, was beim nächsten Mal den Ordner mit den Arbeitsblättern verhindern kann.
Falls also wieder ein Angebot auf Ihrem Tisch liegt, stellen Sie die eine Frage, bevor Sie unterschreiben. Wer trägt das Risiko, wenn dieser Rat falsch ist?
Mit freundlichen Grüßen aus Pforzheim
Ben Schweizer
Zusammenfassung
Ein Leser fordert härtere Worte über die Coaching-Branche. Der Antwortbrief hält am Beratungsrisiko fest, weil Begriffe, die Lagen benennen, prüfbar bleiben. Den Aderlass erledigte eine Zählung, den Spott hatte er zweihundert Jahre überlebt.
Quellen
- Louis, Pierre-Charles-Alexandre (1835). Recherches sur les effets de la saignée dans quelques maladies inflammatoires. Paris.
- Molière (1673). Le Malade imaginaire. Uraufführung Paris.
- Schweizer, Ben (2026). antiCOACHING für Unternehmer. Selbstverlag.
- antiCOACHING-Gesprächsarchiv, Gespräche mit Inhabern mittelständischer Betriebe.