Warum ein Essay nichts löst. Brief an einen Leser, der Lösungen wollte
Ein Inhaber liest die Essays seit Mai und vermisst eine Lösung für seinen Betrieb, der Brief an ihn handelt von Diätratgebern und von einem Satz Senecas.
Wer fremden Betrieben in einem Text Lösungen verspricht, gibt Rat, für dessen Folgen er nie einstehen muss. Die Dienstags-Essays enthalten deshalb keine Lösungen für den Betrieb ihrer Leser. Ein Leser, der die Essays seit dem Frühjahr liest, hat darin einen Mangel gesehen.
Sehr geehrter Herr P.,
Ihre Zuschrift kam am Sonntagabend kurz nach elf. Seit Mai lesen Sie die Essays. Meist geschieht das dienstags auf dem Parkplatz vor dem ersten Termin. Keiner davon habe Ihnen bisher gesagt, was Sie tun sollen. Beschäftigt sind in Ihrem Betrieb 34 Menschen an zwei Standorten. Auf dem Schreibtisch liegen nach eigener Zählung elf Fragen, die seit dem Frühjahr offen sind, darunter die nach dem zweiten Standort, der seit drei Jahren weniger einbringt, als er kostet. Von einem Essay in der Woche hätten Sie wenigstens eine Antwort im Monat erwartet.
Ihr Befund stimmt, eine Lösung für Ihren Betrieb enthält keiner der Texte. Daran wird sich nichts ändern. Warum, zeigt Ihr eigenes Beispiel.
Anfang September stand hier ein Essay über den Schnittsatz, den einzelnen Satz, der eine Frage schließt. Sie haben ihn ausgedruckt. Seitdem hängt er an der Pinnwand neben Ihrem Telefon. Einen eigenen Schnittsatz haben Sie bisher nicht geschrieben. Der Essay gab Ihnen keinen vor.
Eine Lösung für Ihren Betrieb wäre ein Rat an jemanden, dessen Zahlen ich nicht kenne. Ich schriebe ihn an einem Montag. Am Dienstag läsen Sie ihn. Befolgt würde er an zwei Standorten, die ich nie betreten habe. Ein Rat für Ihren Betrieb begänne mit Rückfragen, etwa nach der Mietbindung des zweiten Standorts oder nach den Leuten, die dort arbeiten. Diese Fragen kann ein Text nicht stellen, weil er auf die Antworten nicht warten kann. Von den Folgen erführe ich allenfalls aus einer Zuschrift wie Ihrer, also aus Ihrer Sicht auf einen Betrieb, den ich nie gesehen habe. antiCOACHING nennt diese Lage Beratungsrisiko, die Asymmetrie zwischen dem, der rät, und dem, der die Folgen bezahlt.
Wie es aussieht, wenn Texte die Probleme ihrer Leser lösen wollen, zeigt ein Genre, das jede Buchhandlung führt. Diätratgeber versprechen ein Verfahren, das bei jedem Leser wirkt. Die meisten sind wie Anleitungen gebaut. Dazu gehören Wochenpläne und ein Rezept für jeden Tag. Die Verfasser solcher Bücher bekommen die Waage ihrer Leser nie zu sehen, auch nicht die Waage derer, die das Buch nach drei Wochen zurück ins Regal stellen. Eine Forschergruppe um Traci Mann an der University of California in Los Angeles hat 2007 die Ergebnisse von 31 Langzeitstudien zu Diäten ausgewertet. In den ersten sechs Monaten verloren die Teilnehmer meist fünf bis zehn Prozent ihres Ausgangsgewichts. Das klingt nach Erfolg. Nach vier bis fünf Jahren hatten allerdings ein Drittel bis zwei Drittel von ihnen mehr zugenommen, als sie verloren hatten. Gewogen wurden dabei Teilnehmer von Studien, keine Leser einzelner Bücher. Für die Leser eines bestimmten Ratgebers fehlen solche Zahlen in aller Regel, weil niemand sie nachwiegt.
Ein Diätbuch versucht wenigstens etwas. Für Leser, die Hilfe suchen, ist das ein ernstzunehmender Unterschied zu einem Text, der beschreibt. Am Ende stand für einen großen Teil der Teilnehmer jener Studien allerdings mehr Gewicht als am Anfang. Das Wort Essay stammt von Michel de Montaigne, der 1580 seine Texte unter dem Titel Essais drucken ließ, französisch für Versuche. Versucht wird darin, einen Gedanken so weit zu führen, wie er trägt.
Was ein Text stattdessen leisten kann, steht in einem Brief, der fast zweitausend Jahre alt ist. Der römische Philosoph Seneca, ein Stoiker, schrieb seinem Freund Lucilius, lang sei der Weg über Lehrsätze, kurz und wirksam der über Beispiele. Im selben Absatz kündigt er an, dem Freund die Bücher selbst zu schicken, mit markierten Stellen, damit er nicht lange suchen müsse. Mehr als jede Rede, heißt es gleich danach, nütze dem Freund allerdings die lebendige Stimme und das Zusammenleben. Der amerikanische Autor Ryan Holiday hat 2016 mit Stephen Hanselman, der die Passagen neu übersetzte, Sätze der Stoiker in ein Buch geordnet, eine Seite für jeden Tag des Jahres. The Daily Stoic, der tägliche Stoiker, gibt jeden Morgen eine Passage und eine Deutung dazu, ohne zu wissen, wer an diesem Tag liest und was er vorhat. Die Anwendung auf den eigenen Tag bleibt beim Leser.
Mit Beispielen arbeiten die Essays ebenfalls, mit Herrn K. und seinen 27 Schleifen oder mit Herrn H. und seinem Schluss-Protokoll. Ihre elf Fragen sind das, was antiCOACHING offene Schleifen nennt. Ein Essay kann eine solche Schleife beschreiben und zeigen, wie ein anderer Betrieb sie geschlossen hat. Unter den Beschluss gehört Ihre Unterschrift, weil Sie die Folgen tragen. Eine Ausnahme gibt es allerdings. Wo eine Frage eine prüfbare Antwort hat, etwa eine Frist oder eine Rechenregel, darf ein Text sie geben. Am nächsten Tag zeigt sich dann, ob sie stimmt. Ob Sie den zweiten Standort halten, gehört nicht zu dieser Gruppe, weil die Antwort an Zahlen und Verträgen hängt, die nur Sie kennen.
Sie schreiben, Sie hätten wenigstens eine Antwort im Monat erwartet. Welche Ihrer elf Fragen würden Sie jemandem überlassen, der Ihren zweiten Standort nie betreten hat und für das Ergebnis nicht geradesteht?
Mit freundlichen Grüßen
Ben Schweizer
Zusammenfassung
Ein Essay, der fremden Betrieben Lösungen liefert, vergrößert das Beratungsrisiko, weil sein Verfasser die Folgen nicht trägt. Die Essays erzählen deshalb von anderen Betrieben. Ihre offenen Schleifen schließen die Leser selbst.
Quellen
- Seneca, Lucius Annaeus (entstanden um 62 bis 65 n. Chr.): Epistulae morales ad Lucilium 6,5. Wiedergabe in eigener Übersetzung.
- Holiday, Ryan / Hanselman, Stephen (2016): The Daily Stoic. 366 Meditations on Wisdom, Perseverance, and the Art of Living. Portfolio, New York.
- Mann, Traci / Tomiyama, A. Janet / Westling, Erika / Lew, Ann-Marie / Samuels, Barbra / Chatman, Jason (2007): Medicare’s Search for Effective Obesity Treatments. Diets Are Not the Answer. American Psychologist 62 (3), S. 220–233.
- Montaigne, Michel de (1580): Essais. Simon Millanges, Bordeaux.
- antiCOACHING-Gesprächsarchiv, Gespräche mit Inhabern mittelständischer Betriebe.