Beratungsrisiko in der KI-Beratung. Der Ratgeber, der den Ausgang nicht erfährt
Ein Inhaber fragt sein Sprachmodell nach der Zukunft seines Betriebs. Was ein Ratgeber ohne Rückmeldung aus dem Beratungsrisiko macht, zeigt Keplers Horoskop.
Ein Sprachmodell, also ein Programm, das zu jeder Eingabe die wahrscheinlichste Fortsetzung errechnet, ist ein Ratgeber, der von den Folgen seines Rats nichts erfährt. Seit 2023 kann ein Inhaber es rund um die Uhr fragen, ohne Termin. Das Beratungsrisiko, die Asymmetrie zwischen dem, der rät, und dem, der die Folgen bezahlt, verliert damit die letzte Gegenkraft, die ein menschlicher Ratgeber mitbrachte, seine Anwesenheit. Selbst ein Hofastrologe des siebzehnten Jahrhunderts stand den Folgen näher.
„Ich habe das alles schon mit dem Modell durchgesprochen. Es sieht das genauso wie ich.“ Der Satz fiel am Donnerstag, 27. August 2026, in den ersten Minuten eines methodischen Erstgesprächs mit Herrn G. Sein Systemhaus in Heilbronn betreut mit 16 Beschäftigten rund 140 Arztpraxen und Kanzleien. Er will das Projektgeschäft aufgeben, das noch zwei Fünftel des Umsatzes trägt, und nur noch Wartungsverträge anbieten. Am Abend zuvor hatte er die Frage einem Sprachmodell gestellt. Nach vierzig Sekunden lag ein Plan mit vierzehn Punkten vor, samt Zeitachse. Auf die Frage, was das Modell zurückgefragt habe, bevor es antwortete, fällt ihm nichts ein.
Ende November 2022 öffnete OpenAI den Dienst ChatGPT für jedermann. Seither heißt das Verfahren im Alltag KI, künstliche Intelligenz, ein Sammelbegriff, hinter dem meist ein Sprachmodell steht. Nach einer Befragung des Branchenverbands Bitkom vom März 2026 nutzen 41 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten KI, ein Jahr zuvor 17. Kleinere Betriebe zählt die Erhebung nicht. Dort sitzt der Inhaber abends allein vor seiner Frage.
An jeden Ratgeber richten sich die zwei Fragen, die der erste Essay dieser Reihe vor jede Empfehlung stellte. Wer trägt die Folgen, wenn der Rat falsch ist. Wer bemerkt das Ergebnis zuerst. Die erste beantwortet der Anbieter schriftlich. In den europäischen Nutzungsbedingungen von OpenAI, Stand 16. Januar 2026, heißt es, Ausgaben seien nicht immer zutreffend. Der Nutzer solle sie nicht als alleinige Quelle von Tatsachen nehmen und nicht als Ersatz für fachlichen Rat. Für den geschäftlichen Gebrauch begrenzt derselbe Text die Haftung auf den Betrag, den der Nutzer in den zwölf Monaten davor bezahlt hat, mindestens auf hundert Dollar. Bei zwanzig Dollar im Monat sind das 240 im Jahr.
Die zweite Frage bleibt ohne Antwort. Ein menschlicher Berater sitzt wenigstens gelegentlich noch am Tisch, wenn die Zahlen kommen. Das Gespräch mit dem Modell endet, sobald das Fenster zugeht. Was aus dem Plan wird, erreicht seinen Verfasser nie. Ganz bei dem, der fragt, liegt damit das Beratungsrisiko, weil kein Weg vom Ergebnis zum Ratgeber führt. Zurück fließt allein das Urteil im Augenblick der Antwort, ein Daumen nach oben oder unten. Wohin das führt, beschrieb der Anbieter selbst. Am 29. April 2025 gab OpenAI bekannt, ein Update von GPT-4o zurückgenommen zu haben, weil es übermäßig schmeichelnd oder zustimmend geworden sei. Kurzfristige Rückmeldungen seien zu stark gewichtet worden. Dieses Urteil ist damit das einzige Ergebnis, das den Verfasser eines Plans je erreicht, bei Herrn G. ein zufriedenes.
Ein Ratgeber, der flüssig formuliert und dessen Rat auf keinem prüfbaren Verfahren beruht, hatte am Prager Hof Rudolfs II. eine feste Stelle. Johannes Kepler, seit 1601 kaiserlicher Hofmathematiker, erstellte 1608 ein Horoskop für einen böhmischen Adligen, vermittelt über einen Bekannten. Der Adlige hieß Albrecht von Wallenstein. Was Kepler von dieser Ware hielt, steht 1610 in seiner Schrift Tertius interveniens.
Es ist wol diese Astrologia ein närrisches Töchterlin […] aber lieber Gott, wo wolt jhr Mutter die hochvernünftige Astronomia bleiben, wann sie diese jhre närrische Tochter nit hette. Und seynd sonsten die Mathematicorum salaria so seltzam und so gering, daß die Mutter gewißlich Hunger leyden müste, wann die Tochter nichts erwürbe.
– Johannes Kepler, Tertius interveniens (1610)
Kepler kannte den Wert seiner Ware und verkaufte sie, weil die salaria, die Gehälter der Mathematiker, nicht reichten. Wallenstein kaufte den flüssig formulierten Rat wie Herr G. den Plan. Danach verfuhr er anders damit. Über Jahre verglich er in Randnotizen die Vorhersagen mit dem, was eintrat. Ende 1624 ging eine Abschrift samt diesen Notizen an Kepler nach Linz, mit der Bitte um Fortsetzung. Sie enthielt für den Beginn des Jahres 1634 eine ernste Warnung, die Kepler nicht näher ausführte. Nach Sagan folgte Kepler ihm 1628. Am 25. Februar 1634 töteten Offiziere seines Heeres Wallenstein in Eger. Der Mathematiker hatte demnach zwei Dinge, die dem Modell fehlen. Sein Rat kam mit Randnotizen zu ihm zurück. Sein Einkommen hing ab 1628 an dem Mann, dem er seit 1608 riet.
Wo sich eine Antwort prüfen lässt, schließt sich die Schleife allerdings in Minuten. Die neun Techniker von Herrn G. schreiben mit demselben Dienst Wartungsskripte. Jedes Skript läuft oder es läuft nicht, bevor ein Kunde es sieht. Dort bleibt das Risiko klein. Es wächst, je weicher die Frage wird, etwa bei Personal oder Preisen. Dorthin wandert die Nutzung am Abend. Das Modell antwortet außerdem so, wie es gefragt wird. Wer ihm aufträgt, zuerst die Fragen eines Beraters zu nennen, bekommt sie. Diesen Auftrag hatte Herr G. nicht gegeben.
In der Entscheidungsarchitektur eines Betriebs, der Ordnung, wer was wann entscheidet und dafür geradesteht, hat das Modell keinen Platz. Es taucht in keinem Protokoll auf. So bleibt sein Rat ohne Adresse. Peter Thiel, Mitgründer von PayPal, schreibt 2014 in Zero to One, Computer würden mit wachsender Leistung zu Ergänzungen des Menschen, im Original complements. Eine Ergänzung setzt voraus, dass jemand da ist, den sie ergänzt. Im Systemhaus wäre das der Inhaber, der die Umstellung beschließt und trägt. Bislang ergänzt der Plan niemanden, weil diese Entscheidung noch nicht gefallen ist.
Den Plan hat Herr G. behalten. Das Erstgespräch endete mit zwei Fragen, die der Plan nicht enthielt, wer die Umstellung unterschreibt und woran er im März erkennt, ob sie trägt. Beide hätte ein Sprachmodell stellen können, hätte jemand es darum gebeten. Jemand im Systemhaus sieht zuerst, ob die Wartungsverträge die zwei Fünftel ersetzen. Auf welchem Weg erfährt es der Verfasser des Plans?
Zusammenfassung
Ein Sprachmodell rät in Sekunden und erfährt nie, was aus dem Rat wurde. Sein Anbieter haftet nur mit einer im Voraus begrenzten Summe. Das Beratungsrisiko erreicht damit eine Form, die ein Hofastrologe des siebzehnten Jahrhunderts nicht kannte.
Quellen
- OpenAI (2026): Europe Terms of Use. Stand 16. Januar 2026, Abschnitte „Accuracy“ und „Business use of the Services addendum, Limitation of liability“. OpenAI Ireland Ltd, Dublin. Abgerufen am 10.09.2026.
- OpenAI (2025): Sycophancy in GPT-4o. What happened and what we’re doing about it. Mitteilung vom 29. April 2025. Abgerufen am 10.09.2026.
- Bitkom (2026): Digitalisierung der Wirtschaft. Fast jedes Unternehmen beschäftigt sich mit KI. Presseinformation vom 11. März 2026, Befragung von 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, KW 2 bis 6 2026. Berlin.
- Kepler, Johannes (1610): Tertius interveniens. Zitiert nach Krafft, Fritz (Hrsg.) (2005): Was die Welt im Innersten zusammenhält. Antworten aus Keplers Schriften. Wiesbaden, S. XLI–XLII.
- Wallensteins Horoskop I. De Gruyter, doi 10.1515/9783486753530-022. Zur Rücksendung der Abschrift samt Randnotizen Ende 1624 über Gerhard von Taxis und Christoph von Hochkircher und zur zweiten Deutung vom 21. Januar 1625. Abgerufen am 10.09.2026.
- Wallenstein und Johannes Kepler. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Angaben zum Horoskop von 1608, zur Fortsetzung von 1625, zur Warnung für 1634, zu Keplers Bestellung 1601, zu Sagan und zu Wallensteins Tod. Abgerufen am 10.09.2026.
- Thiel, Peter / Masters, Blake (2014): Zero to One. Notes on Startups, or How to Build the Future. Crown Business, New York, Kapitel 12 „Man and Machine“.
- antiCOACHING-Gesprächsarchiv, Gespräche mit Inhabern mittelständischer Betriebe.